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Forschungsgebiete und Ergebnisse, vorgestellt durch ausgewählte Veröffentlichungen

Kulturgeschichtliche Aspekte der Entomologie

»Deus sive natura«
Benedict de Spinoza (1632-1677)

Wo immer der Mensch jungfräulichen Boden urbar machte, welch' unbekannte Gebiete er auch erforschte und welche Naturschätze er auch ausbeutete, immer mußte er feststellen, daß er ein Nachzügler ist und in die »Fußstapfen« der dort seit langem ansässigen Insekten trat. Tatsächlich sind etwa 80 % aller auf der Erde lebenden Tierarten Gliederfüsser (Arthropoda), wovon mindestens 90 % zu den Insekten (Hexapoda) zählen und durch etwa 10 6 bekannte Arten vertreten sind.

Die meisten Insektenarten sind ebenso urtümliche wie ständige Mitbewohner der Erde, weshalb man die Wechselbeziehungen zwischen ihnen und den Menschen aufklären sollte. Anders als die Zoologie der Insekten, Krebse und Spinnentiere, wurde die Kulturgeschichte dieser Lebewesen bisher nur spärlich erforscht. Deshalb nahmen wir uns vor, zunächst die Bedeutung der Insekten als Symbole göttlicher Verehrung sowie als Schädlinge des Menschen während des orientalischen und klassischen Altertums zu erforschen. Unsere bisherigen Befunde können in den nachstehend genannten Veröffentlichungen eingesehen werden.

Die früheste Begegnung zwischen Mensch und Insekt beruhte wohl auf der außerordentlichen Faszination, die manche Insektenarten auf phantasiebegabte Menschen während des orientalischen Altertums ausübten. Göttliche Verehrung und Glaube an ein Weiterleben nach dem physischen Tod sind Attribute, die Dungkugel-rollende Käferarten (Scarabaeinae) dem ägyptischen Menschen schon während des Alten Reiches (ca. 2686 - 2181 v.Chr.) verliehen hatten. Erheblich später, nachdem die Bedeutung der Dungkäfer als göttliche und schützende Symbole im Bewußtsein der alten Ägypter verankert war, fand eine Unterscheidung der Insekten in harmlose und schädliche Arten statt. Die ersten Nachrichten über wirksame Maßnahmen zur Verminderung von Schädlingsbefall stammen aus einer hieratischen Papyrusrolle, die während der Regierungszeit des Königs AMENHOTEP I. im XVI. Jahrhundert v.Chr. geschrieben wurde. Eine assyrische Keilschrifttafel mit einem ausführlichen Verzeichnis harmloser und schädlicher Insektenarten ist seit dem IX. Jahrhundert v.Chr. aus Mesopotamien bekannt.


LEVINSON,H. & LEVINSON,A. 1988: Hungersnot und Nahrungsspeicherung im alten Ägypten. Spektrum der Wissenschaft, November 1988.

LEVINSON,H. & LEVINSON,A. 1985: Storage and insect species of stored grain and tombs in ancient Egypt. Zeitschrift für angewandte Entomologie 100, 321-339.

LEVINSON,H. & LEVINSON,A. 1998: Control of stored food pests in the ancient Orient and classical Antiquity. Journal of Applied Entomology 122, 137-144.

LEVINSON,H. & LEVINSON,A. 1999: La protezione del grano immagazzinato nell' antichità. La Difesa Antiparassitaria nelle Industrie Alimentari 6, 31-43.

LEVINSON,H. & LEVINSON,A. 2003: Anfangsgründe der Schädlingsabwehr im orientalischen und klassischen Altertum. Naturwissenschaftliche Rundschau 56, 5-15.

LEVINSON,H. & LEVINSON,A. 1996: Prionotheca coronata Olivier (Pimeliinae, Tenebrionidae) recognized as a new species of venerated beetles in the funerary cult of predynastic and archaic Egypt. Journal of Applied Entomology 12O, 577-585.

LEVINSON,H. & LEVINSON,A. 2003: Altägyptische Fliegen - und Käferrelikte in einem Priestersarg der achtzehnten Dynastie.
Anzeiger für Schädlingskunde, Pflanzenschutz, Umweltschutz 76, 1-5.

LEVINSON,H. & LEVINSON,A. 2001: Insekten als Symbole göttlicher Verehrung und Schädlinge des Menschen.
Einleitung - S. 9,
Kapitel 1. Goethes Insekten und Insekten-Nachbildungen in Weimar - S. 11,
Kapitel 2. Kulturgeschichtliche Bedeutung der »Heiligen Käfer« in Altägypten - S. 33,
Kapitel 3. Die Anfänge der Schädlingsabwehr im orientalischen Altertum - S. 77,
Kapitel 4. Steuerung vorratsschädlicher Insektenpopulationen mittels Insektistasis - S. 104.
SPIXIANA Supplementband 27, 12O Seiten,
Verlag Dr. Friedrich Pfeil, Wolfratshauser Straße 27, 81379 München.

 

Entwicklung und Fortpflanzung der Dungkugel-rollenden Blatthornkäfer (Scarabaeinae) und deren göttliche Verehrung in Altägypten (schematisch).

Scarabäus

Hat ein Dungkäfer (bspw. Scarabaeus sacer Linné oder Scarabaeus semipunctatus Fabricius) frisch abgesetzten Säugetierkot aufgespürt, so schneidet und schaufelt er davon mithilfe seiner gezähnten Vorderschienen und seines gezackten Kopfschildes (a) eine Menge, die zur Bildung einer großen, ebenmäßigen Kugel ausreicht. Der rückwärts laufende, weibliche Dungkäfer rotiert seine Kugel zwischen beiden Hinterbeinklauen und rollt so den Dungball über den Boden bis zu einem Ort, der ihm zur Anlage einer Erdhöhle geeignet scheint (b).In seinem unterirdischem Versteck kann er mehrere Dungkugeln nacheinander verzehren. Nach erfolgter Paarung und Reifungsfraß formt das Weibchen innerhalb der Erdhöhle eine aufrechtstehende »Brutbirne« aus saftigem Schaf - oder Ziegenkot und legt in den belüfteten Teil des Birnenhalses ein einzelnes Ei(c). Die geschlüpfte Larve wächst innerhalb der räumlich eingeschränkten und dunklen Brutbirne, wobei sie die, mit Mikroorganismen angereicherte, Kotmasse bis auf die Außenwand verzehrt (d, e). Sie verpuppt sich zumeist in Rückenlage auf dem Boden der Brutbirne (e) und nach erfolgter Metamorphose schlüpft der pharate, erhärtete Dungkäfer aus der aufgeweichten Hülle (f),durchbricht die Erdoberfläche und fliegt eifrig umher, um frischen Säugetierkot zu finden und daraus eine eigene Dungkugel zu formen.

Die alten Ägypter kannten die Metamorphose (ägypt. chepru) von Dungkäfern, anderen Insekten und Lurchen, und deuteten das Ausschlüpfen und vermeintliche Emporfliegen des Dungkäfers mit einer kleinen Kugel zwischen beiden Vorderschienen als Symbol der aufgehenden Sonne, d.i. Gott CHEPRI vor Beginn des Tageslaufes am Himmelsgewölbe (f). Der Gestaltswandel der wachsenden Larve zum adulten Dungkäfer innerhalb der Brutbirne wurde als Metapher der nächtlichen Verwandlungen des Sonnengottes in der Unterwelt (ägypt. dwat) verstanden, während das Fortrollen der Dungkugeln, deren Versenken in die Erde und das nachfolgende Ausschlüpfen scheinbar »ungeschlechtlich gezeugter« Dungkäfer aus der Erde (ägypt. cheper em ta) als Gleichnis für die, sich regelmäßig wiederholende, Sonnenlaufbahn ausgelegt wurde (LEVINSON & LEVINSON 2OO1).

Wie die alten Ägypter ihre Mumien vor Insekten schützten.

Ägypter bei der Mumifizierung

Zehn Plagen sollen das alte Ägypten heimgesucht haben. Von Fliegenschwärmen, Froschinvasionen und Parasiten, die Geschwüre verursachen, ist im alten Testament die Rede. Die Insektenforscher Anna und Hermann Levinson vom Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie in Seewiesen haben sich besonders für die kulturgeschichtliche Bedeutung von Käfern, Fliegen, Schaben und Wanderheuschrecken interessiert und untersucht, wie die Menschen ihre Verstorbenen gegen derartiges Ungeziefer im Altertum schützen wollten.

Die alten Ägypter glaubten, der Tod sei nur ein Übergangsstadium auf dem Weg ins Jenseits. Dort sollte der Verstorbene sein Leben möglichst unversehrt weiterführen. Deshalb versuchten die Nachkommen, seinen Körper vor Verwesung und Insektenfraß zu bewahren. Bereits seit Mitte des 3. Jahrtausends v.Chr. wurden die Toten deshalb mumifiziert. Im Laufe der Zeit ersann man immer aufwendigere Verfahren, entfernte Gehirn und Eingeweide (nicht aber Herz und Nieren), trocknete den Körper mit Natriumkarbonat, füllte ihn mit aromatisch duftenden Kräutern und Harzen und umwickelte ihn mit Leinenbinden. Dennoch fanden sich in den Schädeln der Mumien immer wieder Speck-und Buntkäfer, die trotz aller Abwehrmaßnahmen an den Leichen gefressen hatten.

Zur Beruhigung der Hinterbliebenen diente neben der Einbalsamierung wohl auch der spirituelle Schutz der Verstorbenen. Das etwa 190 Kapitel starke »Totenbuch«, eingeführt um 155O v.Chr., enthält Bannformeln, die die Mumien vor hungrigen Insekten bewahren sollten : »Bleibe fern von mir, du, der du Kiefer hast zu nagen« . Solche Sprüche wurden den Toten als Papyri in die Särge oder zwischen die Mumienbinden gelegt. Das Totenbuch zeigt Menschen, die Dungkäfer, Rüsselkäfer und Schaben, jedoch nicht Speck-und Buntkäfer, mit einem Messer bedrohen oder mit einem Speer durchbohren. Die Bannsprüche richteten sich also nicht nur gegen Fleisch- und Aasfresser, die es auf die Mumie abgesehen hatten, sondern auch gegen Schädlinge, die respektlos über die Nahrungsmittel der Verstorbenen herfielen. Mehr als passive Schutzmaßnahmen und Drohungen trauten sich die Hinterbliebenen aber nicht gegen die »nagenden Kiefer« einzusetzen. Denn im alten Ägypten galt jedes Tier, auch das schädliche, als Geschöpf Gottes und durfte ohne Not nicht getötet werden (M.ENDERS, National Geographic, Mai 2003).

> Ergänzungen 2004


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