Nachträge 2005 - Nachträge 2006 - 2007: Escherich-Medaille - Nachtrag 2008

2008: Dank an Dietrich Schneider - Nachtrag 2009 - Nachtrag 2010 - Nachtrag 2011

Nachtrag 2012 - Publikationsliste ab 1960


 

Die unausrottbare Fliege,
eine treue Begleiterin des Menschen

Paläoentomologie

Das Erdendasein der Fliegen (Brachycera, Diptera) reicht bis in die Trias (vor 240 - 210 Millionen Jahren) und Jurazeit (vor 210 -140 Millionen Jahren) zurück , wogegen der Mensch (Homo erectus) die Erde erst seit 1,7 - 0,3 Millionen Jahren bewohnt hat. Das Paläontologische Museum in München stellt eine fossile Fliege aus, die aus den Ablagerungen des jungtertiären Salzsees im Nördlinger Ries (Meteoritenkrater) stammt und vor etwa 15 Millionen Jahren in Süddeutschland gelebt hat (Abb. 6).

Hygienische Aspekte

Während der maximal 1,7 Millionen Jahre seines Erdenlebens ist der Mensch immer wieder von Stubenfliegen (Musca domestica und Fannia canicularis), Schmeißfliegen, (Calliphora erythrocephala), Fleischfliegen (Sarcophaga carnaria) und Stechfliegen (Stomoxys calcitrans) heimgesucht worden. Die genannten Fliegenarten sind von den Tropen bis zur Arktis verbreitet und ihre Lebensweise ist vorwiegend synanthrop, also eng an den Menschen, seine Haustiere und Wohnstätten gebunden. Aufgrund ihrer Ernährungsweise, behaarten Körperdecke, polsterartigen Unterlippe und prätarsalen Haftlappen, können adulte Stubenfliegen verschiedenartige und auch pathogene Mikroorganismen an ihrem Körper transportieren sowie auf gesunde Menschen, Haustiere und deren Nahrungsmittel übertragen. Deshalb können sie, besonders in unhygienischen Gegenden, gefährliche Infektionskrankheiten wie bspw. Cholera, Frambösie, Hepatitis, Milzbrand, Ruhr, Typhus, Trachom und andere Augenkrankheiten, verbreiten. Vor ca. 60 Jahren wurde in China festgestellt, daß eine Fliege durchschnittlich 3,7 Millionen Bakterien in den Elendsvierteln und 1,9 Millionen Bakterien in den »besseren« Wohnvierteln an ihrem Körper trägt.

Ernährung, Wachstum und Fortpflanzung der Stubenfliege

Ein befruchtetes Weibchen der Stubenfliege kann während ihres Lebens 700 -1000 Eier an feuchte Tierexkremente wie bspw. Hühnerdung, Kuhfladen, Menschenkot, Pferdeäpfel und Schweinedung oder an feuchte verweste Pflanzengewebe wie Gemüseabfälle und Küchenmüll, ablegen. In Anbetracht dieser mannigfaltigen Substrate und ihres geringfügigen Nährwertes für die Fliegenbrut haben wir uns gefragt, wovon sich Fliegenlarven eigentlich ernähren. Die nachstehend skizzierten Versuche sollten diese Frage beantworten.

Wenn man frischgeschlüpfte Larven von Musca domestica in ein sterilisiertes, d.h. bakterienfreies Nährmedium aus 40 % Weizenkleie, 2,5 % Trockenmilch und 57,5 % Wasser, überträgt, wuchsen die Larven überhaupt nicht. Wenn aber das sterilisierte Nährmedium mit der Bakterienflora (vorwiegend Escherichia coli), die normalerweise im Verdauungstrakt von Rindern und Menschen angesiedelt ist, beimpft wurde, begannen die Fliegenlarven beträchtlich zu wachsen. Bei einer Bakteriendichte von etwa 8 x 108 Mikroorganismen per Gramm Nährmedium fand eine optimale Larvenentwicklung und Schlupfrate der Fliegen statt. Aus diesen Ergebnissen kann man folgern, daß die zuvor genannten Abfallprodukte, wovon sich die Larven der Stubenfliege in der Natur zu ernähren scheinen, in Wirklichkeit nur der Nährboden für die Bakterienflora sind, die die tatsächliche Nahrung der Fliegenlarven bildet. Die Fliegenlarven fressen vorwiegend in Gemeinschaft, nehmen ihre Nahrung stets in wässeriger Suspension bzw. Lösung auf und leben deshalb in einem halb-aquatischen Biotop. Aus den Eiern geschlüpfte Larven (Durchschnittsgewicht 1 mg) wachsen in einem geeigneten Nährmedium bei 30°C in 4 - 5 Tagen zu verpuppungsreifen Larven (Durchschnittsgewicht 23 mg) heran und übersiedeln kurz vor ihrer Verpuppung in eine trockene Umgebung. Die Metamorphose der Larven zu Stubenfliegen dauert ca. 3 Tage und findet innerhalb der unbeweglichen Tönnchenpuppe (Durchschnittsgewicht 19 mg) statt. Schließlich durchbrechen die vollständig entwickelten Fliegen mithilfe ihrer vorstülpbaren Stirnblase (ptilinum) die harte Puppenhülle und benötigen nur noch eine proteinreiche und cholesterinhaltige Ernährung, um sich fortpflanzen und mehrere Wochen überleben zu können (Abb. 7a-d).

Geschichtliche Aspekte

Die kulturgeschichtliche Bedeutung der Fliegen im alten Orient ist von besonderem Interesse. Übermässige Fliegenvermehrung war gewiß eine erschreckende und unvergessliche Erfahrung der Menschen, die in den trocken-warmen Ländern des alten Orients lebten. Wahrscheinlich beruhte die vierte der zehn ägyptischen Plagen auf der massenhaften Vermehrung von Fliegen (biblisch, arob), die sich an den vielen, am Nilufer verendeten, Fröschen (biblisch, tsephardea) ernährt hatten (zweite Plage). Diese »Himmelsstrafen« fanden vermutlich während des XIII. vorchristlichen Jahrhunderts im Laufe der Regierungszeit der Könige RAMSES II (ca. 1279-1213 v.Chr.) und MERENPTACH (ca. 1213-1203 v.Chr.) statt.

Zweifellos kannten die altägyptischen Priester die Metamorphose (ägyptisch, cheperu ) der Larven zu adulten Insekten im Körper verstorbener Menschen. Manche, der Mumie beigelegten, Papyri verlangten auch, daß die Maden den Körper des Verstorbenen nicht fressen sollen, damit er unversehrt bleibe. In pharaonischer Zeit (ca. 3100 - 30 v. Chr.) bezeichnete man die Fliege mit dem Wort aff und bildete sie öfters als goldene Amulette, Schmuckstücke oder Tapferkeitsorden nach (Abb. 8).

Die erste geschichtlich nachweisbare Erwähnung von Fliegen, besonders der stechenden Bremsenweibchen (Tabanidae, Orthorrhapha) und der leckenden Schmeißfliegen (Calliphoridae, Cyclorrhapha) stammt aus Mesopotamien des achtzehnten vorchristlichen Jahrhunderts. Vor oder während der Regierungszeit des babylonischen Königs HAMMURAPI wurden ihre sumerischen Namen num. ur. mach, num. ur. sal, num. ur. bar. ra sowie num. sig. sig an der vierzehnten HAR-ra = hubullu Tafel in Keilschrift eingeritzt.

Die alten Philister (assyrisch, palastu) hatten ihren Stadtgott in Ekron BEELZEBUB (assyrisch, bel = Herr, zumbu = Fliege) zum »Herrn der Fliegen« auserkoren, damit er die unerträglichen Fliegenplagen von Philistaia, dem nachmaligen Palästina, abwehren möge. Dieser fliegengestaltige Stadtgott konnte sowohl Fliegenplagen verhüten als auch Fliegenschwärme zur Bestrafung einsetzen.

Wege der Fliegenbekämpfung

In frühdynastischer Zeit (ca. 3100-2686 v.Chr.) hatten sich die alten Nillandbewohner vorgestellt, daß sie Fliegen und andere schädliche Insekten mithilfe von Zaubersprüchen abwehren können, gingen jedoch später auf die realistischeren Verfahren der Bestäubung und Räucherung über. Während der dritten Dynastie (ca. 2667-2648 v.Chr.) hatten sie die Mumifizierung ihrer Verstorbenen, beruhend auf deren Austrocknung, Balsamierung und Bandagierung, erfunden, um deren Körper langfristig vor Bakterien - und Insektenbefall bewahren zu können. Seit dem 16. vorchristlichen Jahrhundert benutzte man am ägyptischen Königshof auch »Fliegenwedel« (bestehend aus einem kurzen Stab, der mit einem Strohbüschel, Pferdeschwanz oder einigen Straußenfedern verbunden ist), um zudringliche Zweiflügler abzuwehren. Allerdings wollten die altägyptischen Priester lästige Insekten nur »vorwarnen und verscheuchen«. Da sie in ihnen, dem Menschen gleichberechtigte Geschöpfe Gottes sahen, durften sie auch schädliche Tiere nicht töten.

Als um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts das 1939 in Basel entdeckte Kontaktinsektizid DDT (2,2-bis-[4-chlorphenyl]-1,1,1-trichloräthan) weltweit zu erfolgreicher Anwendung gelangte, glaubte man, die gefürchteten Fliegen (Brachycera) und Mücken (Nematocera) mithilfe dieses tödlichen Insektengiftes ausrotten zu können. Das war jedoch ein Trugschluß, denn infolge des wachsenden Selektionsdruckes wurden die Fliegen zunehmend widerstandsfähiger gegen das Insektizid und waren schließlich imstande, DDT in ihrem Fettkörper zu entgiften, enzymatisch abzubauen und auszuscheiden. Wieder einmal hatten die erfolgreicheren Fliegen die menschliche Erfindungsgabe überlistet. Aufgrund seiner mutagenen und teratogenen Wirksamkeit sowie ökologischen Gefährlichkeit für den Menschen wurde die Anwendung von DDT in Deutschland im Jahre 1972 gesetzlich verboten. Der weltweite Einsatz von DDT zur Insektenbekämpfung ist ein klassisches Beispiel für die bedenkenlose Anwendung neuer Technologien ohne Abschätzung der daraus entstehenden Folgen.

Weiterführende Literatur

GRASSBERGER, M. 2004:

Die Fliege und der Mensch : Pestilenz, Folklore und Aberglaube.
Homepage of The Medical Zoology Research Laboratory, Wien.

HEWITT,C.G. 1914:

The Housefly Musca domestica Linné. Its Structure, Habits, Development, Relation to Disease and Control. Cambridge, England.

LANDSBERGER,B. 1934:

Die Fauna des alten Mesopotamien nach der14. Tafel der Serie HAR-ra=hubullu. Abhandlungen der philologischen – historischen Klasse. Sächsische Akademie der Wissenschaften XLII , Verlag S. Hirzel, Leipzig.

LEVINSON,H. 196O:

Food of Housefly larvae. Nature 188, 427-428.

LEVINSON,H. 1976:

Ernährungs - und Stoffwechselphysiologie der Insekten und deren Anwendungsmöglichkeiten zur Schädlingsbekämpfung.
Zeitschrift für angewandte Entomologie 81, 113-132 und 82, 219-22O.

LEVINSON,H. 1977:

Lockstoffe als Insektistatika .
Zeitschrift für angewandte Entomologie 84, 1-19.

LEVINSON,H. & LEVINSON,A. 2001:

Insekten als Symbole göttlicher Verehrung und Schädlinge des Menschen.
SPIXIANA Supplementband 27, 12O Seiten,
Verlag Dr. Friedrich Pfeil, Wolfratshauser Straße 27, 81379 München

LEVINSON,H., LEVINSON,A. & OSTERRIED,E. 2003:

Orange-derived stimuli regulating oviposition in the Mediterranean fruit fly.
Journal of Applied Entomology 127, 269-275.

LEVINSON,H. & LEVINSON,A. 2003:

Anfangsgründe der Schädlingsabwehr im orientalischen und klassischen Altertum.
Naturwissenschaftliche Rundschau 56, 5-15.

LEVINSON,H. & LEVINSON,A. 2003:

Altägyptische Fliegen-und Käferrelikte in einem Priestersarg der achtzehnten Dynastie.
Anzeiger für Schädlingskunde, Pflanzenschutz, Umweltschutz 76, 1-5.

LIEBLEIN, J. 1895:

Le livre égyptien Que mon nom fleurisse. S.12-16, Papyrus hieratiques, Nr.18026, hieroglyphische Umschrift : XVII-XXIV, Leipzig.

WEST,L.S. 1951:

The Housefly, ist natural History , medical Importance and Control.
Comstock Publishing Company Inc. & Cornell University, Ithaca, New York.

 

Abbildungen 6 – 8

Brachycera

Abbildung 6

 

Eine fossile Fliege (Brachycera, Cyclorrhapha) aus den Ablagerungen des jungtertiären Salzsees im Meteoritenkrater des Nördlinger Ries (Paläontologisches Museum, München).

Zurück^

Abbildung 7 a - d.

Ontogenie der Stubenfliege

Ontogenie der Stubenfliege Musca domestica Linné

(a) Die langgestreckten Eier (Länge 1,0 mm) werden grüppchenweise an feuchte Säugetierexkremente oder verrottete pflanzliche Gewebe abgelegt.

(b) Die ausgewachsene Larve (Länge 12 mm), auch Made genannt, ist kopf-und beinlos und hat zwei kräftige Mundhaken an ihrem schlanken Vorderkörper.

(c) Die Larve durchläuft drei Entwicklungsstadien und bildet schließlich aus der Kutikula des dritten Larvenstadiums eine braune, tönnchenartige und unbewegliche Puppenhülle (Länge 6,3 mm), worin sie sich in eine weibliche oder männliche Stubenfliege verwandelt (vollständige Metamorphose).

(d) Danach wird das Puparium mithilfe einer vorstülpbaren Stirnblase (ptilinum) aufgesprengt und die pharate Stubenfliege schlüpft aus (Länge 7,0 - 8,0 mm). Sie benötigt noch einen Reifungsfraß, um geschlechtsreif und fortpflanzungsfähig zu werden.

 

Zurück^

Abbildung 8

goldene Fliegen-Halskette

 

Goldene Halskette (ca. 60 cm lang) mit drei stilisierten Fliegen (ca. 0,9 cm lang) aus dem Grab der Königin AHHOTEP in Dra Abul - Nagga bei Theben (ca. 1554 – 1529 v.Chr.).

Die Regentin erhielt diese Ehrengabe von ihren Söhnen AHMOSE und KAMOSE anläßlich der Befreiung Ägyptens von der Fremdherrschaft der Hyksos, gegen Ende der XVII. Dynastie. Die in Gold nachgebildeten Fliegen haben ein gewinkeltes Flügelpaar, einen halb-elliptischen, längsgestreiften Thorax sowie zwei große Facettenaugen an einem relativ breiten Kopf (Ägyptisches Museum, Kairo) und ähneln der Gattung Musca.

Die apotropäische Bedeutung von Fliegenamuletten beruht hauptsächlich auf der ungewöhnlichen Überlebensfähigkeit und Beharrlichkeit der synanthropen Fliegen.

Zurück^

Seewiesen, den 5.November 2004

Ergänzungen 2004: Übersicht

Weiter > Die Bettwanze


Impressum