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(b) Rückschau  auf  die  zehn  Plagen  des  biblischen Buches Exodus (7,1-12,33)  sowie  deren  Entstehung  aus biologischer  Sicht

 

mit sieben Textabbildungen und zwei Tabellen

 

 

Further  Reflections   on  the  ten  Plagues  of  the  biblical Book 0f Exodus (7, 1- 12,33)

 

 

 

Hermann Levinson und Anna Levinson,

Max-Planck-Institut für Ornithologie,

D-82319 Seewiesen bei Starnberg

 

siehe Plage 1: blutrote Färbung und Vergiftung des Nils

 

 

Abstract -The successive plagues 1 to 1O, as described in the biblical book of Exodus (7,1-12,33) probably occurred in ancient Egypt during the thirteenth century BC under the reign of the pharaohs RAMSES II (~ 1279 – 1213 BC) and/or MERENPTACH  (~ 1213 – 12O3 BC).

Most of the ten biblical plagues relied on biological sources and were often induced by natural events. They occurred in the following succession:

plague 1 - the Nile attained blood-like appearance („red Tide“) and was densely infested by predatory dinoflagellates (particularly Pfiesteria piscicida), discharging perilous neurotoxins –

 

plague 2 - whereby numerous frogs (Ranidae) and toads (Bufonidae) escaped from the contaminated Nile region and moved into the dwelling houses of the Egyptians –

 

plague 3 - infestation of humans and animals by ectoparasitic insect species, viz. Pediculidae, Pulicidae and Hippoboscidae, transmitting certain infectious diseases, including epidemic typhus and bubonic plague –

 

plague 4 - numerous fly species (Muscidae and Tabanidae) as well as certain mosquito species (Culicinae and Anophelinae) molesting and infecting the human population by enteric diseases, various forms of malaria as well as trachoma -

 

plague 5 - epidemic diseases of cattle transmitted by blood sucking midges (Ceratopogonidae), causing mainly „African horse sickness“ and „blue tongue disease“ -

 

plague 6 - Anthrax and glanders (Furunculosis) of humans and animals –

 

plague 7 - destructive hail storms -

 

plague 8 - devastating locust swarms, primarily Schistocerca gregaria (Catantopidae, Caelifera) -

 

plague 9 - continuous darkness for three successive days and nights –

 

plague 1O - mortality of first-born humans and cattle –

 

Plagues 1,2 and 1O resulted from the detrimental effects of certain microorganismic toxins exerting different modes of action. Plagues 3,4,5 and 6 comprised infectious diseases being transmitted by various blood-sucking insect species, viz. head and body lice, fleas, louse flies, stable flies, horse flies, mosquitoes as well as biting midges, while plague 8 was merely due to voracious feeding of innumerable desert locusts (Schistocerca gregaria). Finally, plagues 7 and 9 consisted of severe climatic calamities.

 

It follows that the biblical plagues can be explained on the base of naturally arising calamities which can also reoccur in the present time.

 

 

Einleitung

 

EXODUS 12,31 : Noch während die zehnte Plage wütete, liess der Pharao den Mose und den Aaron in der Nacht rufen und befahl ihnen : „ auf, ziehet fort aus meinem Volke, sowohl ihr beiden als auch alle anderen Hebräer. Gehet und verehrt eueren Gott JAHWE, wie ihr es gewünscht habt ! “.

Damit war die zentrale Aufgabe der zehn Plagen erfüllt und das gewünschte Ziel erreicht. Dabei trafen die, von Gott Jahwe den antiken Ägyptern auferlegten, Plagen auch manche der Gottheiten Altägyptens (siehe dsbzgl. die Kapitel „Die Götzen Ägyptens“ sowie „Gott gegen Götter“ in : MORONI und LIPPERT 2OO9).

Vor etwa drei Jahren erschien unser erster Beitrag zur Biologie der zehn biblischen Plagen in den DGaaE-Nachrichten (LEVINSON und LEVINSON 2OO8), worin wir versucht haben, die Entstehung der zehn, den alten Ägyptern im dreizehnten vorchristlichen Jahrhundert von Gott auferlegten, Plagen - aus biologischer Sicht – zu erkunden. In der vorliegenden Abhandlung haben wir unseren früheren Beitrag mit weiteren Aspekten der biologischen Ursachen des Plagenzyklus ergänzt.

Es wurde angenommen, dass die og. Plagen während der Regierungszeit der Pharaonen RAMSES II (~ 1279 – 1213 v.Chr.) bzw. MERENPTACH (~ 1213 – 12O3 v.Chr.) den antiken Ägyptern (ägypt. remetju kemi) von Gott JAHWE auferlegt wurden. Dafür gibt es einen biblischen Hinweis, nämlich EXODUS 7,1 – 12,33 und einige historische Belege (vgl. CORNFELD und BOTTERWECK 1972, KOCH et al.1982 und PETRIE 1912) sowie die Abbildung eines pharaonisch gestempelten Lehmziegels (siehe unten).

 

 

Ein  sonnen-getrockneter  Lehmziegel  aus  Kantir (ehemals  Piramesse)  mit  dem Stempel  des  pharaonischen  Bauherrn  RAMSES II

Die  Fronarbeit  der  Hebräer  in  Unterägypten  bestand  vorwiegend  aus  der  massenhaften Herstellung  ungebrannter  Lehmziegel  (ägypt. tafl) für  den  Häuserbau.  Dazu  wurde gewässerter  Nilschlamm  mit   klein  gehacktem  Stroh (d.i.Häcksel und  Sand, zwecks  besserem  Zusammenhalt) innig  vermischt  und  in  rechteckigen  Holzformen  zu   Ziegeln  gepresst.  Danach  wurden  die  feuchten  Lehmziegel  für  mehrere  Tage  der  Sonnenstrahlung  ausgesetzt und erst  benutzt, nachdem  sie  vollständig  getrocknet  waren.  Die  Ziegeleien  wurden  in  pharaonischem Auftrag  betrieben  und  die  fertigen  Lehmziegel  in der Regel  mit  der  Kartusche  des jeweiligen Pharao geprägt.

 

Geschichtlicher Hintergrund

Während einer schweren Hungersnot in Kanaan, dem späteren Palästina (GENESIS 42,2 sowie 43,1), hatten sich zahlreiche Hebräer (akkadisch : habiru) um 165O v.Chr. in der biblischen Provinz Goschen (ägypt. gesem, siehe die nachstehend abgebildete Landkarte) angesiedelt und dort mit ihren grossen Familien und Viehherden wahrscheinlich ~ 43O Jahre lang gelebt, bis sie schliesslich Ägypten verlassen mussten, um nach Kanaan zurückzukehren.

Das biblische Goschen umfasste damals eine Fläche von ~ 6O x 3 km, lag perpendikulär zur Nilsenke und entsprach geographisch dem achten unterägyptischen Gau (d.i. „die östliche Harpune“), dem heutigen Wadi Tumilat zwischen Bubastis und dem Timsahsee entsprechend (vgl. PETRIE 1912 sowie SARNA 1987).

 

 

Landkarte des unterägyptischen Nildeltas

 

Das  ausserodentlich  fruchtbare  Nildelta  Ägyptens  ist   im  Süden  von der  Arabischen  und der Libyschen  Wüste  sowie  im  Norden  von  dem  Mittelmeer  begrenzt. Die  biblische Provinz  Goschen  (ägypt. gesem),  wo  die Hebräer  von  etwa  165O   bis  122O   v.Chr. siedelten,  lag  in  der Umgebung  des heutigen Wadi  tumilat   zwischen  den  Orten  Bilbes  und  Bubastis   im  Westen  und  dem  Timsahsee  im  Osten. Von  den  beiden Städten, die die Hebräer erbauten, lagen  Piramesse  (das  heutige  Kantir)  am  pelusischen  Nilarm und  Pithom (das  heutige Tel el-mas-chuta) westlich  des  Timsahsee’s. - Die alten Ortsnamen sind mit roter Schrift gekennzeichnet.

 

Die  Hebräerprovinz Goschen  hatte besonders günstiges Weideland, vorwiegend mediterranes Klima mit mehreren Regenfällen im  Winter und war gegen das heiss-trockene Wetter Oberägyptens abgeschirmt (GENESIS 47,6 sowie 11).  Unter diesen Umständen ist es verständlich, dass  die  Bewohner Goschen’s  von den nachteiligen Wirkungen der biblischen Plagen weitgehend verschont blieben (siehe auch die nachstehende Tabelle der zehn biblischen Plagen sowie SARNA 1987). 

Die, von den Ägyptern verfügte Fronarbeit der Hebräer (EXODUS 1,11,12) soll sich  vorwiegend auf die Errichtung der pharaonischen Residenzstadt Piramesse  (ägypt. per ramessu, griech. awaris) am  pelusischen Nilarm sowie der grossen Vorratsstadt Pithom  (ägypt. per temu,  arab.  tel el-mas-chuta) südwestlich der gegenwärtigen Stadt  Ismailia bezogen haben, bevor es zum Auszug der Hebräer aus  dem Nilland kam (EXODUS 12,33-39, CORNFELD und BOTTERWECK 1972 sowie PETRIE 1912).

 

Die zehn biblischen Plagen, biologisch erklärt

In der nachstehenden Tabelle  sind  die  zehn  numerisch aufeinander folgenden Plagen der Bibel (Exodus 7,1 – 12,33) nebst ihrer aramäisch-hebräischen (in runden Klammern) und ägyptisch-hieroglyphischen (in eckigen Klammern) Bezeichnungen angeführt. Die, mit einem * bezeichneten sechs Plagen fanden in der Hebräerprovinz Goschen nicht statt.

 

Tabelle der  numerisch  aufeinander  folgenden  Plagen  der  Bibel  und  ihre  biologische Bedeutung

 

 

1     blutähnliche Verfärbung des Nils (dam) [senef]

2     Landbefall mit Fröschen und Kröten (tsephardea) [kerer, pegget]    

3     ektoparasitäres Ungeziefer (kinnim, kinnam) [ketet ]

4 *   Befall mit Fliegen und Mücken (arob) [aff, afef]

5 *   Viehseuchen (deber) [jadet]

6 *   Geschwürkrankheiten bei Mensch und Tier (schechin) [benut]

7 * Hagelschlag (barad) [schenjet]

8     Heuschreckenschwärme (arbeh) [senchem]

9 *   Finsternis (choschech, aphela) [keku]

1O * Tod der Erstgeburt (makat bechorot) [sema sa tepij]

 

 

Die Berater des Pharao forderten Ihren Regenten mit folgenden Worten auf : „ wie lange soll uns dieser Mann (Mose) noch Unglück bringen ? Lass die Leute doch ziehen, damit sie ihren Gott JAHWE verehren können. Merkst Du denn noch immer nicht, dass Ägypten zugrunde geht ? “ (EXODUS 1O,7).

Die  unheilvollen  Plagen  1 bis 9  könnte  man  als  eine Reihe  warnender Bestrafungen vor dem  Vollzug  der  schwersten aller Plagen (nämlich der 1O. Plage) auffassen, die  Gott JAHWE  den  Bewohnern und Regenten des  alten Nillandes kemet  auferlegte, auf dass  sie  die  Hebräer  von  Ägypten wegziehen  lassen. Jedoch  sollte  man auch bedenken,  dass  der - im  alten Orient  vorherrschende -  Schicksalsglaube  (d.i. Fatalismus) die angedrohten göttlichen Heimsuchungen den alten Ägyptern milder erscheinen liess als sie in Wirklichkeit waren. Vielleicht  nahmen  deshalb  der  Pharao  und  seine  Berater  die  inhärenten  Gefahren dieser Plagen  weniger  ernst  als es nötig war.

Die Plagen 1 bis 9 könnte man auch aufgrund von ungewöhnlichen  Naturvorkommnissen, die sich gelegentlich im  Niltal ereigneten, erklären (PETRIE 1912 sowie HORT 1957, 1958). Überdies scheint die  Reihenfolge der genannten  Plagen zumindest teilweise  mit  der  Strömung  und  mikrobiologischen Beschaffenheit des Nils bzw. Niltals zusammenzuhängen. Der, durch Ober- und Unterägypten  fliessende  und  in  das Mittelmeer mündende  Nil (ägypt. hapi)  war  im  Verlauf  eines  Jahres  erheblichen  ökologischen Schwankungen unterworfen. Zwischen März und  Juni war der Abfluss des Nils besonders  gering  und  betrug  nur ~ 8OO - 9OO  Kubikmeter  pro  Sekunde, stieg im  Juli auf ~ 19OO  Kubikmeter  pro  Sekunde und hatte von August  bis  September mit ~ 7OOO - 95OO  Kubikmetern  pro  Sekunde den stärksten  Durchfluß, der schliesslich auch zu Überschwemmungen führte. Von  Oktober  bis  November sank der Nil wieder auf  eine Strömung von ~ 65OO - 3OOO Kubikmetern  pro  Sekunde, jedoch zwischen Dezember und Februar betrug der Abfluss nur noch ~ 2OOO - 12OO  Kubikmeter  pro  Sekunde. Diese  bedeutsamen Messungen wurden bereits zwischen 19O2 und 19O8 von A.SUPAN in  Wadi Halfa  an der  ägyptisch-sudanesichen Grenze  vorgenommen (SUPAN 1934).

Zur Ätiologie der biblischen Plagen

 

Die Hälfte der zehn biblischen Plagen, nämlich die Plagen 3,4,5,6 und 8, wurde von mehreren Arten der Kerbtiere (Insecta) sowie von einer Art der Milben (Arachnida) und zwar von der Krätzmilbe Sarcoptes scabiei hervorgerufen. Die, von einigen Insektenarten übertragenen Krankheiten der Plagen 3,4,5 und 6 wurden letztendlich von wirtsspezifisch infektiösen Bakterien, Einzellern bzw. Viren verursacht.

Plage 3 (ektoparasitäres Ungeziefer) wurde höchstwahrscheinlich von Flöhen (Siphonaptera), Kopf-und Kleiderläusen (Anoplura), Lausfliegen (Hippoboscidae) sowie Krätzmilben (Sarcoptidae) übertragen.

Die schematische und teils vergrösserte Abbildung (nachstehend) zeigt eine männliche Kopflaus Pediculus humanus capitis (a), eine weibliche Kopflaus Pediculus humanus capitis (b), ein Eigelege der letzteren (c), ein einzelnes Ei einer Kleiderlaus (d), eine weibliche Kleiderlaus Pediculus humanus corporis (e), eine weibliche Krätzmilbe Sarcoptes scabiei (f) sowie einen weiblichen Rattenfloh Xenopsylla cheopis (g).

 

 

 

Ektoparasitäre Arthropodenarten als Vektoren bzw. Verursacher der dritten biblischen Plage (schematische Darstellung).

Plage 4 (Fliegen-und Mückenschwärme) wurde von Bremsen (Tabanidae), Wadenstechern und Stubenfliegen (Muscidae), Fleischfliegen (Sarcophagidae), Schmeissfliegen (Calliphoridae) sowie von Stechmücken (Culicidae) bewirkt.

Plage 5 (Viehseuchen) wurde ausschliesslich von haematophagen Stechgnitzen (Ceratopogonidae) übertragen.

Plage 6 (Geschwürkrankheiten bei Mensch und Tier) wurde vorwiegend von haematophagen Bremsen (Tabanidae) und Wadenstechern (Muscidae) übertragen.

Plage 8  (Heuschreckenschwärme) bestand vorwiegend aus Wüstenheuschrecken der Art Schistocerca gregaria (Catantopidae, Caelifera) - siehe die nachstehende Abbildung.

 

 

Achte biblische Plage: fliegender Schwarm (a) der Wüstenheuschrecken (Schistocerca gregaria) sowie dessen Landung an wachsenden Pflanzen (b).


Plage 1 (blutrote Färbung und Vergiftung des Nils)

In der ersten biblischen Plage (bibl. dam, ägypt. senef) erhielt der Nil seine blutrote Färbung und Giftigkeit [oberes Bild, Photo: H.Neuhäuser/ZDF] höchstwahrscheinlich infolge einer übermässigen Populationszunahme der räuberischen, einzelligen Geisselalgen der Arten  Pfiesteria piscicida  bzw. Pfiesteria shumawayae (Pfiesteriaceae, Phytodiniales, Dinoflagellata) sowie der vielen, verblutenden Fische.

 

Die aggressiven und neurotoxischen Flagellaten lähmen und verwunden sowohl karnivore als auch phytophage Fischarten, die, die bevorzugten  Nahrungsorganismen dieser Dinoflagellaten sind. Die als    Rote Flut “ bezeichnete Überpopulation der aggressiven bzw. giftigen Stadien der räuberischen Geisselalgen besteht aus mehreren Millionen Algenzellen und einem erheblich reduzierten Sauerstoffgehalt des Nilwassers. Dabei kommt es zu massenhaftem Fischsterben sowie Abwanderung der Frösche (Ranidae) und Kröten (Bufonidae) aus dem Niltal.

Das untere Bild zeigt die fisch-verwundende und fisch-fressende Geisselalgenart Pfiesteria piscicida als aggressive und neurotoxische Flagellaten (links) sowie als ungiftige, harmlose  Cyste (rechts). Die Geisselalgen, deren Grösse von ~ 5 bis ~ 45O µm variiert, verbringen die meiste Zeit als harmlose Cysten, die sich erst infolge der Gegenwart bestimmter Ausscheidungsprodukte der Fische in aggressive und neurotoxische Flagellaten verwandeln (BURKHOLDER & GLASGOW 2OO2 sowie  LEVINSON & LEVINSON 2OO8).

 

Plage 1 (blutrote Färbung und Vergiftung des Nils),

Plage 2  (Frösche und Kröten) sowie

Plage 1O (Tod der Erstgeburt)

wurden letztendlich von mikroorganismischen Toxinen ausgelöst.

 

Plage 7 (Hagelschlag) sowie

Plage 9 (Finsternis)

wurden als verheerende Klimakatastrophen erkannt.

 

Stechmücken und Malaria als biblische Plage im alten Ägypten

Zweifellos könnte die vierte Plage (Befall mit Fliegen und Mücken) auch massenhaftes Auftreten der malaria-übertragenden weiblichen Stechmücken (Anophelinae) beinhalten, die ohnehin in der Nilsenke reichlich vorkamen (vgl. HERODOT,5.Jh. v.Chr., GALIOUNGUI 1973).

In der ursprünglichen Fassung des fünften Buches Mose (Deuteronomium 28,22) wird die Malaria mit dem biblischen Wort kadachat (d.i. hitziges Fieber) gekennzeichnet und geschichtlich erstmals als lebensbedrohliche Krankheit erwähnt: „Der Herr wird dich schlagen mit dem hitzigen Fieber und dich verfolgen bis du daran umkommst“. Sicher hatten sich die Hebräer auch an die Sumpfgebiete Obergaliläas und der Jordansenke mit ihren zahlreichen Stechmücken (Anophelinae) und Malariakranken erinnert.

Die Malaria (italienisch: schlechte Luft), auch Sumpffieber genannt, ist für den Menschen eine lebensgefährliche Infektionskrankheit, die von den parasitären Einzellern der Gattung Plasmodium (Haematozoa, Sporozoa) hervorgerufen wird und die, durch den Stich weiblicher Stechmücken der Gattung Anopheles (Culicidae, Nematocera) von einem erkrankten auf einen gesunden Menschen übertragbar ist.    

Nachdem eine weibliche Anophelesmücke auf der Haut eines Menschen gelandet ist, bohrt sie ihre gebündelten Stechborsten (Proboscis) durch die Haut des menschlichen Körpers, um warmes Blut aus einer Kapillare zu saugen und ihren Speichel sowie die Malaria-erregenden Sporozoiten in die Blutbahn des gestochenen Menschen zu befördern. Die bedeutsamsten Symptome der Malariakrankheit sind hohes und periodisch auftretendes Fieber, Schüttelfrost sowie Beschwerden der Milz und der Verdauungsorgane.

Aufgrund des unterschiedlichen Krankheitsbildes, kann man die hauptsächlichen Formen der Malaria erkennen : Malaria tropica, die von Plasmodium falciparum, Malaria tertiana, die von Plasmodium vivax  bzw. Plasmodium ovale, sowie Malaria quartana, die von Plasmodium malariae hervorgerufen werden.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO, 2OO8) erkranken weltweit etwa 243 Millionen Menschen an Malaria im Jahr, woran noch heutzutage etwa  eine  Million Menschen pro Jahr sterben.

Die Malaria ist wahrscheinlich eine der ältesten Tropenkrankheiten, da sie imstande ist, Menschenaffen (Hominidae) ebenso wie Menschen (Homo sapiens) gleichermassen zu infizieren. Im alten Ägypten war die Malaria ebenso wie die Stechmückenarten der Gattung Anopheles bereits während prädynastischer Zeit (~ 55OO – 31OO v. Chr.) zahlreich verbreitet (GHALIOUNGUI 1973, NUNN 1996). Aufgrund von nachgewiesenem Antigen für Plasmodium falciparum in zahlreichen  Mumien der prädynastischen und dynastischen Zeit, nehmen wir an, dass die Bevölkerung Altägyptens grösstenteils an Malaria erkrankt war (vgl. DAVID & ARCHBOLD 2OO1, MILLER et al. 1994 sowie NUNN 1996).

 

 

 

Eine weibliche Stechmücke der Art Anopheles gambiae GILES 19O2 (natürliche Grösse 6-7 mm), die taxonomisch zu den Anophelinae, Culicidae, Nematocera, bzw. Diptera gehört.

 

Man beachte die langen Beine, den Stechrüssel (proboscis), die beiden Maxillartaster sowie die dünnen Antennen der weiblichen Stechmücke.

Die, in allen Gebieten Afrikas verbreitete Anopheles gambiae ist der hauptsächliche Vektor der Malariakrankheit in diesem Erdteil.

Die Aufnahme des stechbereiten Mückenweibchens verdanken wir WIKIPEDIA, der freien Enzyklopädie, die uns die og. Photographie freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

 

Bei der zehnten biblischen Plage (Tod der Erstgeburt) geht es höchstwahrscheinlich um die lebensgefährlichen Mykotoxine  verschiedener Schimmelpilzarten, die an feuchtgewordenem Lagergetreide (d.i. das von Hagelschlag lädierte und nass gewordene Korn) wachsen konnten. Die genannten Mykotoxine (siehe nachstehende Tabelle) waren vermutlich die Krankheits- bzw. Todesursache der Menschen, die mit dem verpilzten Getreide hantierten, bzw. dieses verarbeiteten oder konsumierten (vgl. SCHÖNTAL 198O, MARR & MALLOY 1996, LEVINSON & LEVINSON 2OO8).

 

Schlussfolgerung

Sämtliche, in der Bibel beschriebenen Plagen können auf biologisch erklärbare Vorgänge zurückgeführt werden.

Der, an zusätzlichen Einzelheiten interessierte, Leser sei auf unsere frühere Abhandlung in den DGaaE-Nachrichten 22, 83-1O2, (2OO8) verwiesen.

 

Apologetik

      Gewiss lag es uns fern, die biblischen zehn Plagen, die Gott JAHWE den antiken Ägyptern auferlegt hatte, zu mindern oder zu widerlegen. Wir wollten nur untersuchen, ob die göttlichen Heimsuchungen der alten Ägypter im dreizehnten vorchristlichen Jahrhundert möglicherweise auch aufgrund von biologischen Ursachen erklärbar wären, beziehungsweise, ob sich derart katastrophale Plagen der Menschheit vielleicht auch in der gegenwärtigen Zeit ereignet hätten können.

Neuere Berichte über die zehn biblischen Plagen

 

      Unlängst erschien das ausführliche und hochinteressante Werk „ Die Biblischen Plagen – Zorn Gottes oder Rache der Natur ? “, das von den ZDF-Journalistinnen Claudia MORONI und Helga LIPPERT (2OO9) verfasst wurde.

Bei der Beschreibung der ersten Plage (Seite 1O4 des Buches) erwähnten MORONI und LIPPERT, dass „ ... für  das grosse Fischsterben und die Ungeniessbarkeit des Nilwassers zeichneten vielmehr mikroskopisch kleine Lebewesen verantwortlich. Die Missetäter heissen  Burgunder Blutalgen  (wahrscheinlich Planktothrix rubescens ). Die Bezeichnung Alge verwirrt, denn eigentlich handelt es sich dabei um giftige Bakterien... auch wird der hochtoxische Stoff Microcystin freigesetzt. Das Gift vernichtet nicht nur Fische und Wassertiere, sondern gefährdet auch den Menschen...“.

Wir meinen, dass die Verminderung der Fischpopulation des Nils eher auf der beträchtlichen Populationszunahme der räuberischen Algenarten Pfiesteria piscicida bzw. Pfiesteria shumawayae (Pfiesteriaceae, Dinoflagellata) in ihrem neurotoxin-abgebendem Stadium beruht (vgl. BURKHOLDER et al. 2OO2,2OO5).

 

Das og. Buch beschreibt auch die Hypothese von Dr. Siro Igino TREVISANATO (2OO5), wonach die verheerende Eruption des feuer-und asche-auswerfenden Vulkans der Insel Thera, die in dem Santorin-Archipel (der ~ 12O km nördlich von Kreta  bzw. ~ 77 km nordwestlich von der Kykladeninsel Milos gelegen ist) die alleinige Ursache der zehn biblischen Plagen im alten Ägypten gewesen sein soll. Leider weist TREVISANATO’s Hypothese keine zeitliche Übereinstimmung auf zwischen den vier Vulkaneruptionen (von August 16O3 bis März 16O1 v.Chr.) und den zehn biblischen Plagen, die während der Regierungszeit der Pharaonen RAMSES II bzw. MERENPTACH, ~ 1279 – 12O3 v.Chr. stattfanden (d.h. mindestens ~ 32O Jahre nach den Vulkaneruptionen, vgl. EXODUS 7,1-12,33 sowie PETRIE 1912 und SARNA 1987).

Die Auslegung der zehn biblischen Plagen von TREVISANATO (2OO5) fand bisher noch keine Akzeptanz bei Ägyptologen und Achäologen (vgl. MORONI und LIPPERT 2OO9). 

 

 

 

Zugrundeliegende Literatur

 

 

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Danksagung

 

Besonderer Dank gebührt Herrn Alexander Krikellis, M.A., Leiter der Bibliothek des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Seewiesen und Erling, für seine unschätzbare Hilfe bei der Gestaltung des Nachtrags 2O11 zu dieser homepage.

Ebenso herzlich danken wir unseren Kollegen am Institut für Ägyptologie und Koptologie der LMU sowie am Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst in München für ihre freundliche Beratung, Unterstützung und Beschaffung schwer zugänglicher Literatur für unsere kulturzoologischen Forschungsarbeiten.

 

 

 

Seewiesen und Erling im April 2O11

 

 


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