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Kapitel 3


Schmetterlinge und Vögel als Seelen-Überträger bei lebenden und verstorbenen Menschen


HERMANN LEVINSON und ANNA LEVINSON

Max-Planck-Institut für Ornithologie, D-82319 Seewiesen


Zum Gedenken an Dr. ERNST PRIESNER [12.5.1934 – 19.7.1994]


Vor kurzem haben wir die symbolische Bedeutung von Vögeln und Schmetterlingen als menschliche Seelen im orientalischen und klassischen Altertum beschrieben (LEVINSON & LEVINSON, 2005). Zweck des gegenwärtigen Beitrags ist es, das Verständnis des Beseelungsvorgangs bei lebenden und verstorbenen Menschen zu vertiefen.

Der seit dem sechzehnten vorchristlichen Jahrhundert in Mykenae geläufige Begriff Seele stammte wohl von dem altgriechischen Wort psyche, das gleichbedeutend mit Schmetterling ist. Das biblische Wort neschama bedeutete ebenfalls Seele, während der etymologisch nahestehende Begriff neschima den Lebensatem bezeichnete. Die entsprechende Bibelstelle in GENESIS 2, 7 lautet: „Da bildete Gott, der Herr, den Menschen aus dem Staub des Ackerbodens und blies den Lebensatem in seine Nase“, womit der erste Mensch Adam (abgeleitet von adama, Ackererde) zu einem lebenden Wesen wurde. Demnach entstand die Vorstellung von der Einhauchung des göttlichen Lebensatems bzw. der Seele in einen unbeseelten Menschen während biblischer Zeit.

Das prachtvolle Schöpfungs-Mosaik aus dem dreizehnten nachchristlichen Jahrhundert in der Westvorhalle der Basilika San Marco in Venedig (DEMUS 1984) beruht höchstwahrscheinlich auf den griechischen Vorbildern der sogenannten COTTON GENESIS des fünften nachchristlichen Jahrhunderts. Letztere ist in der British Library London (MS Otho B VI) aufbewahrt und zeigt den Beseelungsvorgang an dem nackten Adam am sechsten Tag der biblischen Kosmogonie (Abb.1 und 2). Adam hält mit seiner rechten Hand eine erwachsene Taube (Columba livia), die sich dicht an seinen Oberkörper schmiegt. Entsprechend den





Evangelien nach MATTÄUS (3, 16) und JOHANNES (1, 32) galt die Taube als Sinnbild des Heiligen Geistes, womit Gott Wahrheit und Weisheit unter den Menschen verbreiten wollte. Der bekleidete Schöpfergott, dessen Kopf von dem Kreuz Christi umgeben ist, hält in seiner linken Hand den Kreuzstab des Täufers. Er drängt die psyche, die die Gestalt eines kleinen, nackten Menschen mit Schmetterlingsflügeln hat, an die Brust des Adam, damit dieser seine Seele aufnehmen kann (Abb. 2).

Eine ähnliche, spätantike Darstellung der psyche als Mensch mit dorsalen Schmetterlingsflügeln findet man an dem bemerkenswerten Gemälde (245 – 256 n.Chr.), das in der Synagoge der römischen Grenzstadt Dura-Europos am Westufer des Euphrat in Syrien entdeckt wurde (KRAELING, 1956). Dieses einmalige Wandgemälde, stellt die biblische Vision des Propheten Ezechiel dar (EZECHIEL 37, 9-10) und ist heutzutage im syrischen Nationalmuseum zu Damaskus aufbewahrt (Abb.3). Es zeigt auf eindrucksvolle Weise die Beseelung, Wiederbelebung und Auferstehung verstorbener Menschen, hervorgerufen durch anfliegende Psychen als bekleidete Frauen mit dorsalen Schmetterlingsflügeln (WEITZMANN 1984). Während die Philosophie PLATON’S (427 – 347 v.Chr.) die Unsterblichkeit der Seele nach ihrer Absonderung vom menschlichen Körper lehrt, beschreibt das NEUE TESTAMENT die Auferstehung des Menschen in leib-seelischer Ganzheit aufgrund eines nochmaligen Schöpfungsaktes Gottes, der seinen Geschöpfen auch nach dem Tode die Treue hält.

Während des späteren Mittelalters übernahm das Christentum die Schmetterlings- Metamorphose als Sinnbild der Auferstehung. Die damals erstaunlich scheinende Verwandlung der gefräßigen Schmetterlingsraupen in fast bewegungslose Puppen (jedoch mit drastischem inneren Umbau) und schließlich in nektarsaugende, paarungsbereite Falter dürfte entscheidend bei der Überlegung zu dieser Vorstellung gewesen sein. Die Entwicklungsstufen von der Raupe über die Puppe zum schlupfbereiten Insekt wurden mit dem Leben, den Tod und der Auferstehung des Menschen assoziiert. Am Ende der Metamorphose durchbricht der formvollendete Falter die Puppenhülle und wird so zum Symbol der Seele, die nach dem Tod den leblosen Körper verläßt (LEVINSON & LEVINSON,2005). Einer der frühesten Belege für dieses Paradigma findet sich im zehnten Gesang des Purgatorio der„Göttlichen Komödie“ von DANTE ALIGHIERI (1265 –1321), wo ein christlicher Mensch mit einem wurmähnlichen Geschöpf verglichen wurde (Si come verme incui falla), das einzig dazu geboren wurde, um sich in einen engelhaften Schmetterling zu verwandeln (Nati a formar l’angelica farfalla). Dieses Konzept kam sogar noch häufig in der Grabsymbolik des 18. und 19. Jahrhunderts zum Ausdruck.



Dank


Besonderen Dank schulden wir Frau DOROTHEE BINDER, Institut für Kunstgeschichte der LMU in München für die Überlassung von zwei Diapositiven, die die Schöpfungsmosaiken der Basilika von San Marco (Venedig) wiedergeben. Frau ROSWITHA TESCHNER, Bibliothek der ZSM in München danken wir für die freundliche Besorgung von Literatur und Aufnahmen bzgl. der oben genannten Mosaiken. Herr Prof. Dr. ALBRECHT BERGER, Institut für Byzantinistik, Byzantinische Kunstgeschichte und Neogräzistik der LMU in München war bei der Auffindung des Wandgemäldes der Synagoge von Dura-Europos sehr behilflich, wofür wir uns aufs herzlichste bedanken.



Weiterführende Literatur


COTTON GENESIS (5th century): Illustrated Greek Miniatures of the so-called Cotton Genesis. – Cod. Cotton Otho VI, The British Library, London.


DANTE ALIGHIERI (1265-1321): La Divina Commedia. Italienisch und Deutsch. 6 Bde., Übersetzung: H. Gmelin. – Stuttgart (Ernst Klett Verlag). 1949.


DEMUS, O. (1984): The Mosaics of San Marco in Venice. Part 2: The thirteenth century. Vols. 1 and 2. – Chicago and London (The University of Chicago Press).


EZECHIEL (ca. 593-571 v.Chr.): Vision von der Wiederbelebung der Toten. – In: Hamp, V., M. Stenzel & J. Kürzinger (Hrsg., 1992): Die Heilige Schrift [Kapitel 37, Abschnitt 9 -10,Seite 1050].
32. Auflage, Augsburg (Pattloch Verlag).


GENESIS (1. BUCH MOSES) – In: Hamp, V., M. Stenzel & J. Kürzinger (Hrsg., 1992): Die Heilige Schrift [Kapitel 2, Abschnitt 7, Seite 3]. 32. Auflage, Augsburg (Pattloch Verlag).


HAMP, V., M. STENZEL & J. KÜRZINGER (Hrsg., 1992): Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testamentes. 32. Auflage. – Augsburg (Pattloch Verlag).


JOHANNES EVANGELIUM (~ 100 n.Chr.): Das Zeugnis des Johannes. – In: Hamp, V., M. Stenzel & J. Kürzinger (Hrsg., 1992): Die Heilige Schrift [Kapitel 1, Abschnitt 32, Seite 125]. 32. Auflage. – Augsburg (Pattloch Verlag).


KRAELING, C.H. (1956): The Synagogue, with contributions by C.C. Torrey, C.B. Welles & B. Geiger. – Plate LXX, New Haven, USA (Yale University Press).


LEVINSON, H. & A. LEVINSON (2005): Vögel und Schmetterlinge als Erscheinungsform der menschlichen Seele. – Ein zoologischer Streifzug durch die Kulturgeschichte. – Naturwissenschaftliche Rundschau 58: 531-536.


LEVINSON, H. & A. LEVINSON (2006): Schmetterlinge und Vögel als Seelen-Überträger bei lebenden und verstorbenen Menschen.
DGaaE-Nachrichten 20(1), 31-34.


MATTÄUS EVANGELIUM (~ 80 – 90 n.Chr.): Taufe Jesu. – In: Hamp, V., M. Stenzel & J. Kürzinger (Hrsg., 1992): Die Heilige Schrift [Kapitel 3, Abschnitt 16, Seite 5]. 32. Auflage. – Augsburg (Pattloch Verlag).


WEITZMANN, K. (1984): The Genesis Mosaics of San Marco and the Cotton Genesis Miniatures. – In: DEMUS, O.: The Mosaics of San Marco in Venice. Chicago and London (The University of Chicago Press): 105-142.




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